Sexismus im Surfsport: Surfen kannst du nicht, aber dein Arsch ist geil!

admin | 12. März 2021

Lena Kemna beim Surfen

Unschuldig steht sie mit ihrem gebräunten, schlanken Körper am Strand. Der freizügige Bikini schmeichelt ihrer makellosen Haut und ihrer wohlgeformten Körpermitte. Sie wirft ihre langen, von der Sonne gebleichten Haare über die Schulter, hält ihr in den Sand gestecktes Surfboard in der Hand und wirft dir einen verführerischen Blick zu. Es klingt wie eine erotische Geschichte in der Regenbogenpresse, doch es ist die gängige Vorstellung des „Surfer Girls“. Seit Jahren werden talentierte Surferinnen aus Werbezwecken zu Sexobjekten, während ihre männlichen Kollegen die aktiven, mutigen Surfer bleiben, denen keine Welle zu gefährlich ist. Doch Surfen ist schon längst kein reiner „Männersport“ mehr. Es wird Zeit einzusehen, dass Surferinnen mehr sind als nett anzusehende Bikinimodels.

„Sex sells“ ist kein neues Phänomen. TV, Werbung, Internet und neuerdings auch soziale Medien – überall werden wir regelmäßig damit konfrontiert. Instagram-Kanäle, die den Surf-Lifestyle repräsentieren wollen, zeigen die sportlichen, mutigen Männer und die anmutigen, körperbetonten Frauen, die das Surfbrett mit etwas anderem zu verwechseln scheinen. Die Bildersuche „Surf Girl“ zeigt neben Surferinnen vor allem viel nackte Haut und in erotischen Posen dargestellte Frauen. Das Problem ist nicht neu, im Gegenteil, es wurde jahrelang „darauf hingearbeitet“.

Das perfekte Beispiel dafür lieferte 2017 die Marke Billabong. Auf dem Titelbild ihrer Homepage zeigte die Marke einen Surfer, der athletisch einen Trick ausübte und daneben eine Frau, im Bikini am Strand liegend, den Kopf nach hinten geneigt. Sieht so die Surfwelt aus: Männer surfen, Frauen liegen am Strand? Nach einem massiven Shitstorm entfernte die Marke das Bild von der Webseite und tauschte es gegen eine surfende Frau aus. Doch nicht nur Billabong leistete sich einen Fehltritt. Ein bekannter Klassiker in der Sexismus-Debatte ist das Werbevideo für den Roxy Pro Contest in Biarritz. Statt surfender Frauen in den schönen Wellen vor Biarritz, sieht man fast zwei Minuten lang den anmutigen, leicht bekleideten Körper einer Frau. Wer die Surferin ist? Niemand weiß es, denn ein Gesicht hat sie nicht. Ein Werbevideo für die Sexualisierung des weiblichen Körpers.

Eine Frage der Definition

Doch was ist Sexismus eigentlich? Im Duden wird der Begriff Sexismus wie folgt definiert: 

„Vorstellung, nach der ein Geschlecht dem anderen von Natur aus überlegen sei, und die [daher für gerechtfertigt gehaltene] Diskriminierung, Unterdrückung, Zurücksetzung, Benachteiligung von Menschen, besonders der Frauen, aufgrund ihres Geschlechts.“ 

Sexismus eindeutig abzugrenzen fällt nicht immer leicht, da jeder Sexismus anders wahrnimmt und unterschiedlich sensibilisiert ist. Eine 2019 veröffentlichte Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über Sexismus im Alltag in Deutschland zeigt, dass sich jeder etwas unter dem Begriff vorstellen könne. Doch die Vorstellungen würden sich aus eigenen Alltagserfahrungen, der medialen Berichterstattung sowie Werbung, Filmen und Shows zusammensetzen. Sexismus sei daher eine Sache der Interpretation, sowohl für Betroffene als auch für Täter*innen. Es sei daher von Bedeutung zu betonen, dass Sexismus „eine Frage der Deutung und Auslegung von Worten, Gesten, Taten, Bildern ist – und damit Kommunikation“ sei.

Wenn Sexismus eine Frage der Deutung ist, wie macht sich dieser dann im Sport bemerkbar? „Sexismus hat viele Formen. Es fängt damit an, jemandem etwas nicht zuzutrauen und ihm mangelnde Leistungsfähigkeit zuzuschreiben“, erklärt Gitta Axmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportsoziologie und Genderforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. „Hinzu kommen die Fokussierung auf das Aussehen von Frauen, deren Geschlechtsteile, bis hin zu den härteren Formen der Machtdemonstration wie sexuellen Übergriffen oder sexualisierter Gewalt. Bei sexualisierter Gewalt wird noch unterschieden zwischen Gewalt mit und ohne Körperkontakt sowie sexuelle Grenzverletzungen.“

Sportlich irrelevant, aber nett anzusehen

Dass Sponsoren sich die Surferinnen nicht nur nach sportlichen Leistungen aussuchen, sondern gleichzeitig ein Topmodel wollen, dass die nächste Bikini-Kollektion präsentieren kann, ist bekannt. Wer nicht dazu passt, fällt heraus. Aufmerksamkeit bekam dieses Problem unter anderem durch die brasilianische Profi-Surferin Silvana Lima, die sich öffentlich dazu äußerte, keine Sponsoren zu finden, weil sie nicht dem klassischen Bild des Surfergirls entspreche. In der Genderforschung ist das kein neues Phänomen. „Diese Abwertung ist eine weitere Form von Sexismus. Meistens geht es nicht um deine Leistung, sondern um dein Aussehen. ‚Schön bist du, du bist nett anzusehen‘“, erzählt Axmann. „Wenn aber das Können beurteilt wird, heißt es: ‚Für eine Frau machst du das ganz gut‘. Warum diese Wertung?“

Diese Erfahrung musste auch Lena Kemna machen. Die 26-jährige postet regelmäßig Bilder vom Surfen und lebt seit fünf Jahren in Portugal. Surfen könne sie zwar nicht, ihr „Arsch ist aber geil“, schrieb ihr ein Instagram-Nutzer.

„Sexistische Nachrichten bekomme ich auf Instagram öfter. Ich verstehe auch nicht, warum man immer kommentieren muss, wie gut oder schlecht jemand surft“, erzählt Lena. 

„Das passiert mir auch offline relativ viel, dass hinter meinem Rücken gesagt wird, ich kann nicht gut surfen. Das Verrückte daran ist: Je besser ich werde, desto öfter passiert mir das.“

Trotzdem achte sie darauf, nichts auf Instagram zu posten, dass zu sexy sein könnte. Nicht, weil sie es nicht will oder es schlimm findet, sondern weil sie nicht in diese Schublade gesteckt werden will. „Ganz viele Mädchen haben diesen Sexismus internalisiert. Die finden es eigentlich schlecht, aber haben es so sehr verinnerlicht, dass sie trotzdem daran teilhaben wollen.“ Viele von ihren Freundinnen seien sehr gefangen zwischen der Selbstpräsentation als „sexy Surferin“ und der eigentlichen Abneigung gegen den Sexismus.

Von Verunsicherung bis zur Angst 

Axmann erklärt, dass eine Abgrenzung von Männern gegenüber allem Nicht-Männlichen stattfindet, also gerade auch gegenüber Frauen. Diese könnten im Sport nichts erreichen, weil sie es körperlich nicht wie die Männer schaffen würden, ist das gängige Argument. Doch es sei zu einfach sich auf Körperlichkeit zu beziehen. Es gäbe schließlich noch weitere Faktoren wie Technik und Geschicklichkeit.

Und wenn sie es körperlich eben doch schaffen, sind sie anderen ein Dorn im Auge.

Genau das hat auch Lena Kemna schon erlebt. „An allen Tagen, an denen die Wellen größer sind, bin ich die einzige Frau auf dem Wasser. Als ich angefangen habe zu surfen, fanden es die Locals noch ganz cool. Jetzt gehe ich ins Wasser, wenn sich einige von denen nicht mehr trauen und das passt denen gar nicht.“

Die Diskriminierung hat sowohl Auswirkungen auf die Sportlerinnen als auch auf den Sport an sich. „Es führt letztendlich zu Wut, Verzweiflung und Ohnmacht bei den Sportlerinnen“, so Axmann. „Hinzu kommen Selbstzweifel, Scham und das ständige Gefühl, nicht gut genug zu sein.“ Es sei zudem eine Behinderung von Leistungspotenzialen, da man sich selbst die Möglichkeiten nehme, in etwas gut zu sein, sich aber nicht frei entfalten könne.

Für Lena war es besonders schwer, dass sich einige Locals regelrecht gegen sie verschworen haben. Angst zu haben und sich verunsichert zu fühlen, sei das Letzte, dass man beim Surfen brauche. „Letztes Jahr habe ich da sehr mit gekämpft. Ich bin teilweise nicht ins Wasser oder ich bin vorher gegangen, wenn ich gesehen habe, dass eine bestimmte Person an den Strand kommt“, so Lena.

Maßnahmen, die Gleichberechtigung schaffen

2018 war dann ein Jahr, in dem sich für die Frauen im Surfsport endlich etwas geändert hat. Die World Surf League (kurz WSL) gab bekannt, dass Frauen und Männer ab 2019 bei allen Wettkämpfen der WSL das gleiche Preisgeld erhalten werden. Auslöser dafür war ein Foto des Billabong Pro Junior Wettkampfes in Südafrika, dass den Sieger bei den Jungs mit einem doppelt so hohen Preisgeld-Scheck zeigte, wie dem der Siegerin bei den Mädchen. 

Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten, etwas zu ändern. „Die wichtigste Maßnahme ist das Sensibilisieren“, so Axmann. „Selbst zu gucken: Wie bin ich aufgewachsen? Was sind meine Sozialisationserfahrungen, im Spiel als auch im Sport? Was wurde mir unbewusst, aber auch bewusst zugeschrieben? Wo wurde ich hingelenkt? Was sind meine Bewertungen?“ Zudem müssten Organisationen Gleichberechtigung ermöglichen und diese auch im Leitbild verankern.

Laut Axmann sei es auch von großer Bedeutung, die Medien zu schulen. In Deutschland hätten vor allem die Öffentlich-Rechtlichen die Aufgabe, umfassend über Frauen im Sport zu berichten und dadurch die Nachfrage zu erhöhen. Zudem müssten die Geschlechterklischees reflektiert und die Wertung herausgenommen werden, denn es gebe keine typischen Männer- und Frauensportarten. Ein weiteres Problem ergibt sich dadurch, dass laut einer Studie des Verbands Deutscher Sportjournalisten der Anteil an Sportjournalistinnen 2015 gerade einmal 9,5 % betrug. Das wirke sich auch auf die Berichterstattung aus. 

Noch ist es nicht zu spät für Veränderung

Man könnte meinen, auch die Marken haben aus ihren Fehlern gelernt und ihre Konzepte angepasst. Doch stattdessen werden Kritiker*innen einfach aufgefordert zu schweigen und ihre Vorwürfe zurückzunehmen. Lena Kemna kritisierte eine bekannte Marke für eine nur aus Männern bestehende Surf-Dokumentation öffentlich auf Instagram. Das Ergebnis: Anschuldigungen über private Nachrichten und blockieren ihres Accounts. Statt das Angebot anzunehmen, etwas aus dem Fehler zu machen und eine Strategie zu entwickeln, wurde Lena ignoriert und für sinkende Einnahmen verantwortlich gemacht.

Noch ist es nicht zu spät, etwas zu erreichen. Neu sei laut Axmann vor allem, dass sich Firmen einem medialen „Shitstorm“ stellen müssen. Früher habe man viele Dinge einfach hingenommen und akzeptiert. „Man muss sich aktiv beschweren, sich widersetzen und vieles spiegeln. Durch die sozialen Medien erhalten diese Missstände eine enorme

Reichweite. Es ist wichtig, dass die Medien mitspielen, weil diese einen sehr starken Einfluss haben. Dort kann man mit Wissenschaft unterstützen und Fakten zur Situation bereitstellen, um daraus wiederum Projekte zu schaffen und Maßnahmen zu entwickeln. Aber gerade deswegen dauert es so lange, weil wir alle Beteiligten erreichen müssen“, so Axmann.

Ähnlich sieht es auch Lena. Female Empowerment funktioniere nicht, wenn man einen Rückzieher mache und schweige. „Die meisten Frauen haben nicht solche

Probleme wie ich, aber die geben auch einfach klein bei und unterstützen sich nicht gegenseitig. Das ist der einzige Grund, warum dieser Sexismus noch immer funktioniert.“

Gerade deswegen ist es also wichtig, dass Frauen sich nicht einschüchtern lassen und Männer diese Bewertung von Frauen ebenso nicht unterstützen. Dass Frauen darauf bestehen, auch im Sport eine Daseinsberechtigung zu haben, dass sie ernstzunehmende Sportlerinnen sind und ihre Erfolge durch Können erzielen und nicht durch zwickende Bikinihosen und erotische Strandshootings.


Katharina Ivens, leidenschaftliche Windsurferin und Surferin aus Hamburg, studierte bis zum März dieses Jahres Medienwirtschaft und Journalismus. Für ihre Abschlussarbeit befasste sie sich unter anderem mit Sexismus im Surfsport. Am liebsten schreibt sie über Reisen, Nachhaltigkeit und natürlich Surfen.

Email: katharina.ivens@gmx.de

Foto: Rolo Produtora / Surferin: Lena Kemna


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