Intersektionaler Feminismus und Sport

admin | 26. März 2021

Die eigene Sichtweise als Perspektivfrage Wer aus allernächster Nähe durch einen Zaun schaut, wird diesen womöglich nicht einmal wahrnehmen. Der Blick scheint trotz der Existenz der Drähte gänzlich ungetrübt. Nur wer sich zurücklehnt oder einen Schritt nach hinten macht, wird erkennen, dass ein Hindernis vorhanden ist, welches manchen den Zutritt versperrt, anderen den Ausbruch erschwert. Ein einzelner Strang wie bei einem Weidezaun mag noch überwindbar sein, doch mit zunehmender Verflechtung, dem Zusammenspiel einzelner Elemente, ergibt sich ein undurchdringbares Netz.

Die hier bildlich umschriebene Notwendigkeit, Strukturen und Mechanismen als zusammenhängende, komplexe Systeme zu erkennen, existiert auch im Sport und der Gesellschaft – insbesondere im Hinblick auf die Verschränkungen und Wechselwirkungen von Diskriminierungsdimensionen. Diese manifestieren sich nämlich – mal auf subtile oder diffuse, mal auf ganz offensichtliche Weise – in gesellschaftlichen Ungleichheits- und Machtverhältnissen. Das Konzept der Intersektionalität ermöglicht es, das Zusammenwirken von Ableismus (Diskriminierung von Menschen mit körperlichen und/oder psychischen Beeinträchtigungen), Klassismus (Diskriminierung aufgrund von sozialer Herkunft und/oder Position), Rassismus, Sexismus, Homo-, Inter*- oder Trans*feindlichkeit und anderen Diskriminierungsformen aufzudecken und zu berücksichtigen.

Verwurzelung im Black Feminism und der Critical Race Theory

Insbesondere die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw, das Combahee River Collective (ein Zusammenschluss Schwarzer, lesbischer Frauen) und marxistische Feminist*innen prägten den Intersektionalitätsbegriff und hoben die Bedeutung der Schnittstelle von Race, Class und Gender hervor. Sie waren davon überzeugt, dass Menschen verschiedene Merkmalevereinen können, aufgrund welcher sie Diskriminierungen erfahren. Vor diesem Hintergrund kann die Benachteiligung Schwarzer Frauen beispielsweise nicht nur sexistisch oder rassistisch motiviert sein, sondern auch aus der Überschneidung beider Ungleichheitskategorien resultieren. Aus einer intersektionalen Perspektive betrachtet sind einzelne Stränge nur schwer differenzier- und isolierbar. Sie können nebeneinander bestehen, miteinander verflochten sein, sich gegenseitig verstärken oder sich zu neuen Diskriminierungsformen vereinen.

Vielfalt und Ungleichheit im Sport

Seit den frühen 2000er Jahren werden in der sportbezogenen Genderforschung zunehmend auch intersektionale Theorieansätze verfolgt. Diese erlauben es komplexe Diskriminierungsmuster und das Zusammenwirken verschiedenartiger Machtverhältnisse zu analysieren. Etwa in Bezug auf sogenannte Geschlechterverifikationsverfahren. Diese sollen dazu dienen, Sportler*innen anhand von körperlichen Merkmalen (z.B. Testosteronwerten) einer Wettkampfklasse (in der Regel: Männer / Frauen) zuzuordnen und somit Fairness herzustellen. Athlet*innen, die Normwerte überschreiten, wie etwa Caster Semenya oder Dutee Chand, erfahren dadurch gegen ihren Willen eine Pathologisierung sowie den Ausschluss von Wettkämpfen. Insbesondere Schwarze und Athlet*innen of Colour werden durch derartige Regularien nicht nur Opfer von gesellschaftlichen Weiblichkeitsidealen und einer konstruierten, scheinbar natürlichen Zweigeschlechtlichkeit, sondern zugleich auch rassifizierenden und ethnisierenden Normierungen.

Ähnliche Verflechtungen wurden auch in wissenschaftlichen Arbeiten zu Gender und Alter, Gender und Behinderung sowie Gender und soziale Schicht untersucht und nachgewiesen.Aus einem intersektionalen Blickwinkel betrachtet, wird deutlich, dass das Mantra von Chancengleichheit und -gerechtigkeit im Sport häufig nicht mehr als ein Mythos ist. So ist beispielsweise der Mangel an nicht-männlichen, nicht-weißen, nicht-able-bodied Menschen in Führungs- und Verantwortungspositionen kein Zufall. Die Benachteiligung hat System. Es wird dort am deutlichsten, wo sich die Zusammenhänge sozialer Kategorien besonders offenbaren: An den Schnittpunkten, an welchen sich Stränge kreuzen und überlagern. Hier gewinnt die Struktur an Stabilität. Hier muss angesetzt werden, um sie aufzubrechen.

Sehen und gesehen werden

Analog zum »Schritt zurück« ist intersektionale Analyse, Forschung und Praxis ein Prozess der Sichtbarmachung. Das Konzept erlaubt es, die Einzigartigkeit und Besonderheit von (Diskriminierungs-) Erfahrungen besser zu beleuchten und zu verstehen. Das ist von großer Bedeutung. Denn feministische Kämpfe für Gleichheit und Gerechtigkeit, für systemischen, strukturellen und institutionellen Wandel, vereinen Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungshorizonten, etwa Menschen mit Behinderung, PoC und Schwarze, muslimische und jüdische Menschen, Sinti*zze und Roma*nja, lesbische, pansexuelle, schwule, nicht-binäre und trans*Personen. Wer ihrer Lebensrealität, wie auch der unterdrückenden Gesellschaftsrealität gerecht werden möchte, muss nicht nur die Allgegenwart von patriarchaler Macht und Privilegien, von Hetero- und Cisnormativität erkennen, sondern auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der vielfältigen Unterdrückungsmechanismen, in welchen sich diese manifestieren.

Nur gemeinsam erfolgreich

Chancengerechtigkeit und diskriminierungsfreie Strukturen im Sport können nur dann realisiert werden, wenn ebendiese gleichermaßen in der gesamten Gesellschaft erreicht werden. Wer den feministischen Befreiungskampf aufnimmt, sollte daher immer auch mit denjenigen verbündet sein, die sich gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auflehnen. Daher solidarisieren wir uns während der Internationalen Wochen gegen Rassismus und darüber hinaus mit all jenen, die rassistisch diskriminiert und verfolgt werden oder wurden. Die Zäune auf den Feldern wie auch die in Köpfen und Institutionen sind sozial konstruiert. Sie sind von Menschen geschaffen und können von Menschen aufgebrochen, niedergedrückt und überwunden werden. Am besten gleichzeitig, am besten gemeinsam.

Empfehlungen

Artikel:

  • https://missy-magazine.de/blog/2013/03/22/die-feinen-unterschiede-warum-nicht-alle-frauen-gleich-sind/
  • https://www.fluter.de/was-ist-intersektionaler-feminismus

Clips:

  • The urgency of intersectionality | Kimberlé Crenshaw (EN): https://www.youtube.com/watch?v=akOe5-UsQ2o
  • Emilia Roig, „Center for Intersectional Justice“ – Was ist intersektionale Diskriminierung: https://www.youtube.com/watch?v=3Cxuvz9dLd8
  • Intersectionality: Two blue crocodiles and the gap in the system (DE): https://www.youtube.com/watch?v=fmUT7hwnzlo&t=22s

Podcasts:

  • Bildungsstätte Anne Frank: „Nachgefragt: Intersektionalität“: https://open.spotify.com/episode/2mTcNsgClxEYqBOKmSxpwl?si=bkuOARsyRDGFcaoyqY2JYQ
  • You FM Das F-Wort: „Oh so white – Feminismus & Intersektionalität“: https://www.ardaudiothek.de/das-f-wort-feministischer-podcast/das-f-wort-oh-so-white-feminismus-intersektionalitaet/82370270 oder https://open.spotify.com/episode/3pE7qSYmiTFEXa7Kew0gbp?si=K-QmcLZsT-Kd-OPXhci7zQ
  • BBQ – Der Black Brown Queere Podcast: https://open.spotify.com/episode/3NzDrG8Khar7zW7U2BoxO6?si=Oc0-zYBiRx2gGycpalqNmQ


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