Skateboarding – “Not just boys fun”

Feb 24, 2022

„Köllefornia“ im Frühjahr 2021. Im Rahmen des Seminars „Gender & Diversity – soziale Ungleichheit verstehen – Vielfalt im Sport fördern“ an der Sporthochschule Köln führen zwei Kommilitonen und ich ein Forschungsprojekt durch. Dabei geht es zunächst um nüchternes wissenschaftliches Arbeiten. Fakten sammeln. Literaturrecherche. Das Übliche. Und das über ein hochemotionales Thema für uns drei: Skateboarding! Wer liebt es nicht??? Ach ja, und Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen gibt es dabei anscheinend auch. Aber wir bleiben sachlich. Und schauen uns das erstmal an. Sachlich.

Aber auch die nüchternste Betrachtung von Ungerechtigkeiten wird in der Begegnung mit echten Menschen und ihren Geschichten dazu hochemotional. Vor allem, wenn die Forschungsreise zur Erkenntnis führt und zur selbstkritischen Frage: wie trage auch ich womöglich dazu bei, dass Frauen (im Sport) diskriminiert und benachteiligt werden? Vier Frauen teilten dankenswerter Weise in Interviews mit uns ihre ebenso große Leidenschaft zum Skaten. Und: wie sie diese nicht so selbstverständlich ausleben können wie wir drei Männer.

Köln – ein Skateboarder*innen-Paradies?

Köln wird von vielen Skater:innen sehr geschätzt. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten zum Fahren und die Szene ist groß, vernetzt und lebendig. „Köllefornia“, so der Schriftzug auf der Fahne eines Skateparks in Köln Weidenpesch, der „Northbrigade“, spielt daher gern auf die Wurzeln der Skateszene an: Kalifornien in den USA. In den 1960er Jahren brachten dort Surfer:innen das Brett auf die Straße und mit diesem einen Lifestyle der sich durch Individualität, Freiheit und Unabhängigkeit auszeichnete. Diese Werte werden in der heutigen Skatecommunity hochgehalten. Trotz internationaler Kommerzialisierung und Professionalisierung (Skateboarding ist 2021 erstmals olympisch) nimmt sich die Szene subkulturell und als Gegenentwurf zu Mehrheitsgesellschaft wahr. An diesem Punkt wollten wir der Frage nachgehen, warum und wie sich trotz des Ideals der freien Persönlichkeitsentwicklung innerhalb dieser, unserer kölschen Subkultur, geschlechtsspezifische Unterschiede bemerkbar machen.

Connell (1995) erklärt dazu, dass alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens durchdrungen sind von einer männlichen Vormachtstellung gegenüber Frauen. So auch das Skateboarding. Auf Grundlage einer heteronormativen Gesellschaft, d.h. in einer Gesellschaft die das Geschlecht nur in die Kategorien ´Frau´ und ´Mann´ unterteilt und ausschließlich heterosexuelle Beziehungen zwischen diesen beiden Geschlechtern anerkennt, werden lt. Connell (1995) typische Verhaltens- und Denkweisen von Männern wie Frauen internalisierte wieder reproduziert und erhalten dadurch allgemeine Gültigkeit. So kann dann wohl auch Mario Barths Humor funktionieren. Und so auch in Teilen die Skateszene.

Langer Weg zu einer größeren Teilhabe und mehr Sichtbarkeit

Beal (2013) verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass in der Anfangsphase des Skateboardings der 1960er Jahre in den USA Frauen durchaus partizipierten, allerdings verbindet sich mit dem Aufkommen des sog. „´street style´“ (Beal 2013, S.19) in den 1980er Jahren und der entsprechenden medialen Inszenierung die gesellschaftliche Vorstellung, dass Skateboarding ein harter und risikoreicher Sport ist, welcher mit den kulturellen Vorstellungen über Männlichkeit korrespondiert (Backström, 2013). Frauen, so die allgemeine Einstellung unter befragten Streetskatern in den USA, seien wehleidiger, scheuten daher das Risiko sich zu verletzen und wären in ihrem technischen Können weniger fähig als männliche Skater (Atencio et al., 2009). Ab diesem Zeitpunkt werden Frauen marginalisiert, erhalten nahezu keine Möglichkeit an Wettkämpfen teilzunehmen (Beal, 2013) und erleben durch die Szene und deren Medien einen männlich dominierten und gleichzeitig Frauen objektivierenden bis frauenfeindlichen Sport (Carr, 2016). Erst der Kampf einzelner Protagonistinnen in den 1990er und 2000er Jahren ermöglicht eine größere Teilhabe und Sichtbarkeit von Frauen und diverser Genderidentitäten heutzutage.

Sehr eindrücklich bestärkten die vier interviewten Kölner Skaterinnen den Forschungsstand und berichteten, dass sich ihrer Erfahrung nach Frauen teilweise nachts oder früh morgens in Skateparks begäben, um nicht auf die männlich dominierte Szene zu treffen. Dass sich durchaus von abfälligen Blicken bis hin zu sexistischen Äußerungen die volle Breitseite männlicher Dominanz zeige. Dass Teilhabe meistens über männliche „Eintrittskarten“, d.h. befreundete und unterstützende Skater erfolge, ansonsten die Hürde zu groß erscheine und ein liebgewonnenes Hobby gar nicht weiterverfolgt werde. Interessanter Weise spiegeln dabei verschiedene Kölner Skatespots unterschiedliche Atmosphären wider, die eine Teilhabe fördern oder zusätzlich erschweren. In sog. „Girls-Only-Sessions“, so der Tenor aller interviewten, könnten Frauen endlich mal kreativ aufblühen, weil sie sich verstanden, unterstützt und nicht bewertet fühlten. Und dass es keinen Sinn mache, dass überall immer nur Männer wären.

Einmal alles in Pink bitte

Sehr nachdenklich und berührt waren wir von den Schilderungen, teilten wir doch dieselbe Leidenschaft, feierten die gleichen Tricks oder Parks, allerdings mit der Erkenntnis, dass wir uns höchst privilegiert in einer Szene bzw. Gesellschaft bewegen, in der Frauen nicht per se als gleichwertig bzw. Diversität im Allgemeinen nicht selbstverständlich ist. Es ist höchste Zeit, dass sich das ändert! Denn wenn verinnerlichte Strukturen nicht kritisch hinterfragt werden, wird das Althergebrachte immer wieder reproduziert. Darauf verweist auch der „Pink-Skateboard-Effekt“, den eine Interviewpartnerin exemplarisch beschrieb: in einem Skatepark kommen Mutter, Vater, Sohn und Tochter zusammen. Der Sohn ist ausgestattet mit szenetypischen Skate-Brands, von Helm bis Fuß bis Brett, die Tochter trägt dagegen einen pinken Helm und müht sich auf einem pinken Skateboard, das von schlechter Qualität ist. Die Interviewte meinte, dass sie froh gewesen sei, dass sie vor Ort war, weil sie so dem Mädchen ein Rolemodel sein konnte, um zu zeigen, dass es anders geht. Ein Vorbild, welches sie selbst früher gerne gehabt hätte.

Abulhawa (2020) konstatiert, dass es seit einigen Jahren eine kritische Selbstreflexivität innerhalb der Skateszene über die männliche Dominanz gibt. Diese bringt sie in Verbindung mit einem Prozess der Demokratisierung, der durch das Internet vorangetrieben wird. Dabei findet eine Vernetzung und Beteiligung unterschiedlichster Lebensentwürfe innerhalb der internationalen Szene statt, was für Diversität sorgt.

It’s not just boys fun

Den Ursprung dieser Diversität im Skateboarding sieht Abulhawa (2020) darin, dass das Skaten als Bewegungsform, abseits seiner gesellschaftlichen Konstruktion, im Kern eine Form des Spielens ist. Hierbei hält das Skateboard in der Interaktion mit dem eigenen Körper und der Umwelt nahezu unendlich viele Möglichkeiten des Auseinandersetzens bereit. Skateboarding trägt daher das inklusive Potential in sich (O´Connor, 2015), die limitierende und diskriminierende Einstellung einer männlich dominanten Sichtweise zu überwinden. Zudem bildet dieses Potential die eigentliche Grundlage für die Werte der Szene bzgl. freier Entfaltung und Individualität. Butz (2018) bringt dieses auf den Punkt: „Allein die eigene Körperpraxis bestimmt, was Skateboarding ist und sein kann.“ (S.139), nämlich alles Mögliche, nur nicht Einfalt – „It´s not just boys fun“.

Mittlerweile ist der Anteil von Frauen und diverser Genderidentitäten in der internationalen sowie hiesigen Skatecommunity gestiegen, 2014 partizipieren ca. 27% Frauen in den USA (Carr, 2016). Es gibt tolle Projekte, Crews und Menschen die sich für Diversität stark machen bzw. diese vorleben. Allerdings ist noch viel zu tun. McCarthy (2021) stellt in diesem Zusammenhang sogar eine besondere Schwere von digitaler Gewalt gegenüber Frauen fest. Im Rahmen ihrer Untersuchung von mehr als 4000 Online-Kommentaren unter YouTube-Videos von professionellen Streetskatewettbewerben von Frauen in den Jahren 2017 bis 2019 waren 17% davon als misogyn und sexistisch zu bewerten.

Danke an dieser Stelle für die Inspiration durch die interviewten Skaterinnen und den Dozentinnen des Kurses. Aus dieser entstand mittlerweile eine Abschlussarbeit sowie ein Projekt zur Förderung von Diversität in der Kölner Skatszene.

Weitere Infos für alle Interessierten:

  • Girls-Only Session im Skatepark Northbrigade, Köln Weidenpesch, jeden letzten Sonntag im Monat, 10:00-13:00 Uhr
  • Girls-Only Session in der AHK Halle 59, Köln Kalk, alle 14 Tage, 17:00-21:00 Uhr
  • The Breakfast Club – Inclusive Skateboarding Community, jeden 1. & 3. Samstag im Monat, Skatepark Zoobrücke, Köln-Deutz

Literatur:

  • Abulhawa, D. (2020). Skateboarding and Femininity. Gender, Space-making and Expressive Movement. Routledge.
  • Atencio, M., Beal, B. & Wilson, C. (2009). The distinction of risk: Urban skateboarding, street habitus and the construction of hierarchical gender relations. Qualitative research in sport and exercise, 1(1), 3-20. https://doi.org/10.1080/19398440802567907
  • Bäckström, Å. (2013). Gender Manoeuvring in Swedish Skateboarding: Negotiations of Femininities and the Hierarchical Gender Structure. YOUNG, 21 (1), 29–53. https://doi.org/10.1177/1103308812467670
  • Beal, B. (2013). Skateboarding. The ultimate guide. Greenwood.
  • Butz, K. (2018). „Erwachsene Männer, die Skateboard fahren“. Exemplarisches und Kritisches zu Männlichkeit und Skateboarding. In J. Schwier & V. Kilberth (Hrsg.) Quo vadis Skateboarding?. Skateboarding zwischen Subkultur und Olympia (S. 125-142). Transcript Verlag.
  • Carr, J. (2016). Skateboarding in Dude Space: The Roles of Space and Sport in Constructing Gender Among Adult Skateboarders. Sociology of Sport Journal, 34 (1), 25-34. https://doi.org/10.1123/ssj.2016-0044
  • Connell, R. W. (1995). Masculinities. University of California Press.
  • McCarthy, B. (2021). ‘Who unlocked the kitchen?’: Online misogyny, YouTube comments and women’s professional street skateboarding. International Review for the Sociology of Sport. https://doi.org/10.1177/10126902211021509
  • O’Connor, P. (2015). Skateboard Philanthropy: Inclusion and Prefigurative Politics. In K. J. Lombard (Hrsg.) Skateboarding: Subcultures, Sites and Shifts (S. 30–43). Routledge.

Zum Autor:

Lars Möller lebt, arbeitet und fährt leidenschaftliche gerne Rollbrett in Köln. Im Dezember 2021 konnte er seinen Bachelorabschluss an der DSHS fertig stellen, in der er die Effekte eines inklusiven Skate-Angebotes auf die Diversität der Skateszene untersuchte.

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