Pride Month Interview mit Kathrin

Jun 2, 2022

Kathrin wurde 1965 in Zwickau geboren. In den frühen Achtzigerjahren beginnt sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Eisenbahntransporttechnik. Es folgen berufliche Stationen bei der Deutschen Reichsbahn und später bei der Deutschen Bundesbahn. Seit 1993 ist Kathrin als Kraftfahrerin tätig. Ihre Freizeit verbringt sie auf den Fußballplätzen rund um Zwickau – zunächst als aktive Spielerin, seit mehr als sieben Jahren als Schiedsrichterin.

Soweit ein ganz „normaler“ Lebenslauf. Doch was ist schon „normal“ und wer hat das zu bestimmen?

Mit zwölf Jahren hat Kathrin gemerkt, dass sie anders ist und im falschen Körper lebt. 2000 beginnt sie ihre transidentische Umwandlung, zwei Jahre später folgt eine geschlechtsangleichende Operation. Seither lebt Kathrin offen als Frau.

Im Interview mit Equaletics zeichnet sie ihren Weg im und außerhalb des Sports nach.

Seit wann bist du im Sport aktiv? Weißt du noch, wie dein Interesse daran geweckt wurde?

Im Jahr 2012 kamen zwei Dinge zusammen: Zum einen wollte ich mich sportlich mehr betätigen, zum anderen spielte die Frau eines Arbeitskollegen in einem Team, welches dringend Spielerinnen suchte. So kam eins zum anderen und ich begann mit dem Fußballspielen.

Inzwischen bist du seit 2015 eine erfahrene Schiedsrichterin, pfeifst Spiele im Amateur- und Jugendbereich – manchmal mehrere an einem Tag. Wie kam es dazu?

Ich war damals Fünfzig. Meine aktive Spielerinnenkarriere neigte sich dem Ende. Dem Fußball wollte ich aber weiterhin treu sein. Deshalb entschied ich mich für die Schiedsrichter*innenausbildung.

Als Schiedsrichterin bist du dafür mitverantwortlich, dass Regeln befolgt und größtmögliche Fairness gewährleistet werden. Was bedeutet für dich der Begriff Fairness im Sport?

Fairness im Sport zeigt sich für mich insbesondere darin, dass man den Mut hat, falsche Entscheidungen auch zurückzunehmen.

In den vergangenen Jahren wurden insbesondere im Amateursport immer wieder verbale, manchmal sogar körperliche Angriffe auf Schiedsrichter*innen dokumentiert. Hast du selbst solche Grenzüberschreitungen erlebt? Falls ja: Wie gehst du persönlich damit um?

Gottseidank habe ich das bisher nicht erleben müssen.

Auch außerhalb des Sports werden Menschen aufgrund zugeschriebener oder tatsächlicher Zugehörigkeit zu Gruppen mit Hasskriminalität konfrontiert. Das gilt im besonderen Maße für LSBTI1. Als transgeschlechtliche Person bist du also mehrfach betroffen. Macht dir das Sorgen?

Ich mache mir große Sorgen darüber. Wenn es nach mir geht, sollte jeder Mensch nach seinen eigenen Vorstellungen leben dürfen.

Mit zwölf Jahren bist du dir selbst deiner Transgeschlechtlichkeit bewusst geworden, seit mehr als zwanzig Jahren lebst du nun offen als Frau. Mit welchen Gefühlen war das Outing für dich verbunden?

Ich konnte endlich das sein, was ich bin. Eine Frau!

Wie hat dein Umfeld darauf reagiert, als sie davon erfahren haben? Von wem hast du Unterstützung oder Ablehnung erfahren?

Mein Umfeld hat aus Unwissenheit sehr verstört reagiert. Sie haben mich mit Menschen verglichen, auf die man mit den Fingern zeigt und die man abstempelt. Unterstützung habe ich von der Selbsthilfegruppe Gerede e.V. in Dresden erhalten.

Mit einer Transition sind auf Grundlage des Transsexuellengesetzes (TSG) nach wie vor viele rechtliche und gutachterliche Hürden verbunden. Auch körperlich und medizinisch sind mit diesem Schritt, den nicht alle trans Personen gehen, Herausforderungen verbunden. Wie hast du das damals empfunden?

Damals, rund um die Jahrtausendwende, war vieles noch sehr konservativ. Entweder alles oder nichts, so lautete das Motto. Eine halbe Person hat niemand akzeptiert.

Nicht alle trans Personen gehen öffentlich mit ihrer Identität um. Diskriminierungserfahrungen sind leider in Deutschland wie auch in anderen (europäischen) Ländern keine Ausnahme. Du bist in deinem Heimatort geblieben, hast dich gegen das anonyme Leben in einer Großstadt entschieden. Wieso hast du dich dafür entschieden, dich und deine Geschlechtsidentität nicht zu verstecken? Woher hast du die Kraft dafür genommen?

Ich wollte es allen beweisen und zeigen, dass man im Leben alles schaffen kann, wenn man will. Die Kraft habe daraus geschöpft, das Ziel Frau zu sein (zu werden) mit aller Konsequenz umzusetzen. Auf dem Weg dahin habe ich immer einen Plan B und C gehabt, zum Beispiel im Fall eines Jobverlusts.

Seit 2015 bist du ehrenamtlich als Schiedsrichterin aktiv. Welche Erlebnisse – ob gut oder weniger gut – stechen für dich rückblickend heraus?

Ich pfeife im Amateurbereich bis zur ersten Kreisklasse der Herren. Mein größtes Erlebnis war eine Auszeichnung („Danke Schiri“) vom Sächsischen Fußballverband, bei der ich in der Kategorie Schiedsrichterinnen den zweiten Platz belegte.

Basierend auf deiner Erfahrung: Wie weit ist der (Amateur-) Fußball bei den Themen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt? Hat sich in deiner Wahrnehmung etwas in den vergangenen Jahren getan?

Aus meiner Sicht hat sich sehr wenig getan. Wenn man das Thema anspricht, stößt man nach wie vor auf viel Desinteresse, Ablehnung und auf Unwissenheit, wie man damit umgehen soll.

Wenn du für einen Tag DFB-Präsidentin wärst: Welche (drei) Maßnahmen würdest du sofort umsetzen oder einleiten?

Eine Gehaltsobergrenze. Außerdem würde ich den Kölner Keller abschaffen. Das Schiri-Team soll wieder zur Tatsachenentscheidung zurückkehren. Zuletzt würde ich jedem Amateurverein zusätzlich eine Summe X zur Verfügung stellen.

Viele der Probleme im Sport sind gleichzeitig gesellschaftliche Herausforderungen. Auch auf dieser Ebene kann politisch noch viel getan werden. Daher fast die gleiche Frage noch einmal: Wenn du für einen Tag Bundeskanzlerin wärst: Welche (drei) Maßnahmen würdest du sofort umsetzen oder einleiten?

Ich würde mich für Abrüstung einsetzen. Darüber hinaus, würde ich meinen Einfluss dafür nutzen, Diskriminierung mit aller Konsequenz zu bekämpfen. Junge Menschen mehr für den Sport zu begeistern, wäre mir ein weiteres Anliegen. Wer sich eine Vereinsmitgliedschaft finanziell nicht leisten kann, soll sie kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen.

Häufig wird betont, wie wichtig die Sichtbarkeit und das Hören Betroffener ist. Du gehst sehr offen mit deinen Erfahrungen und deinem Wissen um. Was motiviert dich dazu, deine Geschichte mit anderen zu teilen?

Ich habe viele Betroffene kennengelernt, die es nicht geschafft haben, im Leben zurechtzukommen. Viele sind daran zerbrochen. Das sollte und muss nicht passieren. Dazu möchte ich beitragen, indem ich Mut mache.

In den vergangenen Wochen hast du dich beispielsweise mit Sportstudierenden der Deutschen Sporthochschule in Köln ausgetauscht. Welche Erfahrungen hast du dort gemacht?

Die Sportstudierenden waren sehr interessiert daran, eine Person kennenzurlernen, die das alles durchlebt hat. Das persönliche und positive Feedback am Ende des Treffens hat mich sehr berührt.

Es wird sehr deutlich, wie wichtig dir die Unterstützung anderer ist. Gleichzeitig besteht in Zeiten von mangelndem Wissen, großer Unsicherheit und offenem Hass ein großer Bedarf an Dialog. Wie können interessierte Organisationen, (Hoch-) Schulen, Vereine oder Verbände, die eine Veranstaltung oder ein Projekt zu dem Thema planen, auf dich zukommen?

Mich kann man im Kreisverband Zwickau des Sächsischen Fußballverbands finden. Dort bin ich ehrenamtlich als Schiedsrichterin tätig. Außerdem habe ich mich kürzlich bei als auf einer Plattform als Referentin registriert, um zukünftig mehr über gesellschaftliche Vielfalt im Sport sprechen zu dürfen. Vieles läuft natürlich auch über Mundpropaganda, so entstand auch der Kontakt zur Deutschen Sporthochschule und zu Equaletics.

Trans Personen und andere Menschen, die nicht der Cis- und/oder Heteronormativität entsprechen, erleben häufig Ausgrenzung, Diskriminierungen und Gewalt – insbesondere dann, wenn sie noch weiteren Unterdrückungsmechanismen (etwa: Ableismus, Rassismus, Klassismus) ausgesetzt sind. Was würdest du dir von Menschen wünschen, die selbst davon nicht direkt betroffen sind? Wie sollten sie ihre individuellen und kollektiven Privilegien einsetzen?

Jeder Mensch hat das Recht, so zu leben, wie er*sie möchte. Ich wünsche mir, dass die Vorurteile von nicht betroffenen Menschen abgebaut werden. Deshalb: Hört euch die Geschichten von den Menschen an, um sie besser zu verstehen und zu unterstützen.

1 Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen